olympische Krönung

Mit Bruno Risi hat erstmals ein Urner eine Medaille an den olympischen Sommerspielen gewonnen. Der Weg dazu war hart und lang. Im vierten Anlauf hats geklappt – ein gewaltiger Erfolg für Bruno Risi und den Urner Radrennsport.

Bundesrat Schmid ist für ihn jetzt der Sämi. Als ihm der Verteidigungsminister Anfang Oktober 2004 beim Empfang der erfolgreichen Olympia- und Paralympics-Teilnehmer im Berner Rathaus das Du anbot, merkte Bruno erst richtig, wie gross der Unterschied zwischen Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ist. Fünfmal hat er in seiner langen Karriere das Regenbogentrikot im Punktefahren gewonnen, einmal wurde er zusammen mit Franco Marvulli Weltmeister im Madison, doch das hat für die joviale Anerkennung aus Bern genau so wenig genügt wie der Rekord der 36 Sechstagesiege, die er zusammen mit seinem Erstfelder Freund Kurt Betschart feierte. Es musste Olympia sein.

Dabei hatte Risi Olympia längst abgehakt. Viermal hatte er olympisch Anlauf genommen, meist stand er als Favorit am Start, doch der 9. Platz, den er als 20-Jähriger im Punktefahren von Seoul 1988 herausfuhr, blieb bis in diesem Sommer sein bestes Ergebnis. Im Punktefahren von Atlanta zerbrach er an der Belastung und wurde nur 17., in Sydney ging es ihm nicht viel besser. Dem 12. Platz im Punktefahren folgte ein 11. mit Kurt Betschart im Madison.

Es war Zeit, Jüngeren Platz zu machen. Betschart hatte genug, Risi konzentrierte sich aufs Punktefahren, Alexander Aeschbach und Franco Marvulli wurden als potenzielles Olympiapaar aufgebaut. Alles lief nach Plan – bis Aeschbach wenige Tage vor der WM 2003 in Stuttgart von einem Auto über den Haufen gefahren wurde. Bruno Risi, der Nette, der so schlecht Nein sagen kann, sprang als Ersatz ein. Und wurde Weltmeister. Für Trainer Markus Nagel war danach sofort klar: Risi und Marvulli mussten bis Athen zusammenbleiben.

Während Jahren hatte für Bruno Risi das oberste Gebot gelautet: Nicht ohne meinen Kurt. Jeder Versuch von Hallendirektoren, die beiden zu trennen, scheiterte. Erst der Zufall – und die Hoffnung auf eine Olympiamedaille schaffte es. Mit Betscharts Segen. Und so wurde der Sport für Risi nach Jahren des blinden und manchmal auch stummen Verständnisses mit seinem Partner noch einmal zum «Abenteuer», wie er selber sagt. Ein Abenteuer der besonders intensiven Art, bei dem sich ein stilles Wasser und ein Vulkan zur Gemeinschaft fanden und schliesslich sogar Freunde wurden.

Leicht war es für Risi allerdings nicht, den olympischen Fluch, der ihn so lange begleitet hatte, zu bezwingen. Am Vortag gab dieser Fluch noch einmal alles: Er sorgte dafür, dass der Motor des Derny-Motorrades, hinter dem Risi seine Trainingsrunden drehte, unvermittelt ins Stocken geriet und so den Blondschopf bei Tempo 65 zu Fall brachte. Der Schreck war zum Glück grösser als der Schaden. Ein leichtes Dehnen in der Wade konnte den Urner nicht bremsen. Risi tat, was von ihm verlangt wurde, zog Marvulli in den entscheidenden Momenten den Spurt an und stopfte, wenn sein vom Sprint ermüdeter Partner abreissen liess, die Löcher – so wie nur er es kann. Mit dem letzten Sprint sicherten sich die Schweizer die Silbermedaille. Risis Karriere hatte ihre olympische Krönung.

Es war Risis letztes Rennen im Leibchen der Nationalmannschaft. Das Kapitel ist abgeschlossen, die Karriere geht weiter. Der Silbermedaillengewinner wird wieder zum Teil der Erfolgsgeschichte mit dem Titel «Risibetschart». Für ein paar Jahre noch will er die Welt der verrauchten Hallen, der wilden Jagden und langen Feiern geniessen. Es ist «seine» Welt. Ein Zirkus, den er als letzter in einer langen Reihe grosser Sixday-Stars mit seiner Ausstrahlung am Leben erhält.